Cannabis und sexuelle Freiheit: Genießen Cannabiskonsumenten ihr Sexleben mehr?
- 1. Kann cannabiskonsum zu erektiler dysfunktion beitragen?
- 2. Beeinflusst cannabis die libido?
- 3. Sind cannabiskonsumenten glücklicher und freier in ihrer sexualität?
- 4. Hast du angefangen, mehr neue dinge auszuprobieren?
- 5. Wählst du mehr unterschiedliche sexualpartner, seit du cannabis konsumierst?
- 6. Hat dir cannabis geholfen, deine sexualität besser zu entdecken?
- 7. Hat cannabis deine sexualität verändert?
- 8. Verbessert cannabis die emotionale verbindung zwischen sexualpartnern?
Die Schnittstelle zwischen Cannabiskonsum und sexuellem Verhalten ist schon lange ein Thema von Interesse und Forschung. Mit der zunehmenden Akzeptanz und Legalisierung von Cannabis in verschiedenen Teilen der Welt und dem Wandel der gesellschaftlichen Haltung zur Sexualität wächst die Neugier auf die möglichen Auswirkungen von Cannabis auf sexuelle Erfahrungen und Freiheiten. Der Begriff sexuelle Freiheit umfasst verschiedene Aspekte der menschlichen Sexualität, wie sexuelle Zufriedenheit, Exploration und die Fähigkeit, eigene Wünsche ohne Hemmungen auszudrücken. Cannabis, bekannt für seine psychoaktiven Eigenschaften und Wirkungen auf Stimmung und Wahrnehmung, wirft spannende Fragen zu seiner Rolle bei der Verbesserung oder Veränderung sexueller Erlebnisse auf.

Diese Fragestellung lädt dazu ein, einige zentrale Fragen zu untersuchen: Trägt der Konsum von Cannabis zu einer gesteigerten Freude am eigenen Sexleben bei? Kann Cannabiskonsum Faktoren wie Libido, Erregung und sexuelle Zufriedenheit beeinflussen? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und einem breiteren Verständnis sexueller Befreiung, wie dem Erkunden unterschiedlicher sexueller Praktiken oder dem Überwinden gesellschaftlicher Tabus? Zudem besteht Interesse daran, mögliche Nachteile oder Einschränkungen des Cannabiskonsums im Kontext von Sexualität zu verstehen. Fragen entstehen bezüglich der Möglichkeit, dass Cannabis sexuelle Dysfunktion – wie erektile Dysfunktion – fördert oder die emotionale Intimität zwischen Sexualpartner*innen beeinflusst.
In dieser Untersuchung möchten wir aktuelle Forschungsergebnisse und Literatur beleuchten, um mit empirischen Erkenntnissen Licht auf die komplexe Beziehung zwischen Cannabiskonsum und sexueller Freiheit zu werfen. So wollen wir ein tieferes Verständnis dafür gewinnen, wie Cannabis die sexuellen Erfahrungen, das Verhalten und die Wahrnehmungen von Individuen beeinflusst, und die Implikationen für das persönliche Wohlbefinden und gesellschaftliche Einstellungen zur Sexualität untersuchen. Diese Auseinandersetzung soll zu einer differenzierten Sicht auf das Zusammenspiel von Cannabiskonsum und sexueller Freiheit beitragen und Erkenntnisse liefern, die den öffentlichen Diskurs, Gesundheitspraktiken und individuelle Entscheidungen bezüglich Cannabis und Sexualverhalten bereichern können.
Kann Cannabiskonsum zu erektiler Dysfunktion beitragen?
Die Forschung zum möglichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und erektiler Dysfunktion (ED) liefert widersprüchliche Ergebnisse und lässt viele Fragen offen. Einige Studien legen einen Zusammenhang zwischen starkem oder chronischem Cannabiskonsum und einem erhöhten Risiko für ED nahe, doch die Beweislage ist nicht eindeutig und erfordert weitere Untersuchungen, um zugrundeliegende Mechanismen aufzuklären.

Mehrere Studien berichten von einem möglichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und ED. Beispielsweise beobachtete eine Meta-Analyse von fünf Fall-Kontroll-Studien mit 3.395 gesunden Männern, dass die Prävalenz von ED bei Cannabiskonsumenten signifikant höher war als bei Nicht-Konsumenten. Die Gesamtprävalenz von ED lag bei Cannabiskonsumenten bei 69,1 % (95 % CI: 38,0–89,1), bei Nicht-Konsumenten bei 34,7 % (95 % CI: 20,3–52,7). Das Odds Ratio (OR) für ED bei Cannabiskonsumenten war nahezu viermal so hoch wie bei der Kontrollgruppe (OR = 3,83; 95 % CI: 1,30–11,28; p = .02), wobei die Heterogenität der Daten (I2 = 90 %) und methodische Einschränkungen eine vorsichtige Interpretation erfordern.
Trotz dieser Ergebnisse müssen die Einschränkungen bestehender Studien berücksichtigt werden. Viele Untersuchungen finden aufgrund der rechtlichen Lage von Cannabis unter wenig idealen Bedingungen statt, was die Zuverlässigkeit der Resultate beeinträchtigen kann. Zudem reagieren Menschen sehr unterschiedlich auf Cannabis, und Faktoren wie Häufigkeit und Dauer des Konsums, Dosierung oder Vorerkrankungen spielen eine Rolle für das Risiko von ED.

Verschiedene Mechanismen wurden vorgeschlagen, um den möglichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und ED zu erklären. Dazu zählen neurologische Effekte, vaskuläre Veränderungen, hormonelle Einflüsse, psychische Faktoren, Lebensstil, chronische Erkrankungen und Wechselwirkungen mit Medikamenten. Cannabis enthält psychoaktive Verbindungen wie THC, die mit dem Endocannabinoid-System des Gehirns interagieren und so die Freisetzung von Neurotransmittern sowie neuronale Wege der sexuellen Erregung und Erektionsfunktion beeinflussen können. Darüber hinaus kann Cannabiskonsum die Herz-Kreislauf-Funktion, Hormonspiegel, Stimmung, psychische Gesundheit und Lebensweise beeinflussen – alles Faktoren, die zu sexueller Dysfunktion beitragen können.
Allerdings ist zu beachten, dass nicht jeder Cannabiskonsument von ED betroffen ist und das Risiko je nach individuellen Merkmalen und Umständen variiert. Außerdem befindet sich die Forschung zu diesem Thema derzeit noch im Wandel, und aussagekräftigere Studien sind erforderlich, um die Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum und ED klarer zu verstehen.
Obwohl einige Hinweise auf einen potenziellen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und erektiler Dysfunktion hindeuten, ist der Forschungsstand bisher nicht eindeutig. Methodische Einschränkungen, individuelle Unterschiede und komplexe Mechanismen erschweren klare Schlussfolgerungen. Weitere Forschung ist notwendig, um die Beziehung zwischen Cannabiskonsum und ED aufzuklären und Public-Health-Interventionen sowie klinische Empfehlungen zu verbessern.
Beeinflusst Cannabis die Libido?
Es wird berichtet, dass Cannabiskonsum die sexuelle Funktion möglicherweise verbessern kann, jedoch zeigen Studien einen komplexen Zusammenhang zwischen Cannabis und sexueller Erregung. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass physiologische und subjektive Indikatoren sexueller Erregung und Motivation mit einer verringerten Verfügbarkeit zirkulierender Endocannabinoide einhergehen können.

Eine Befragung von 216 Personen mit Erfahrung im Cannabiskonsum während sexueller Aktivität zeigte vielfältige Antworten. Von diesen gaben 52,3 % an, Cannabis gezielt zur Veränderung ihres sexuellen Erlebens einzusetzen. 38,7 % meinten, Sex sei mit Cannabis besser, 16,0 % sprachen von gemischten Effekten und 24,5 % von einer zeitweisen Verbesserung. Nur eine Minderheit (4,7 %) berichtete, dass Sex durch Cannabis schlechter wurde.

Was spezifische Effekte angeht, berichtete ein erheblicher Anteil der Teilnehmenden von positiven Ergebnissen. 58,9 % beschrieben eine gesteigerte sexuelle Lust, 73,8 % mehr sexuelle Befriedigung und 74,3 % eine erhöhte Empfindlichkeit der Haut. 65,7 % erlebten intensivere Orgasmen. Zudem berichteten 69,8 % von mehr Entspannung und 50,5 % von besserer Konzentration beim Sex. Aber nicht alle erfuhren positive Effekte: Einige klagten über Schläfrigkeit, verringerte Aufmerksamkeit oder keinen spürbaren Einfluss. Interessant ist, dass unter jenen mit Orgasmusproblemen einige Cannabis unterstützend empfanden, dies jedoch nicht zwangsläufig zu mehr sexueller Zufriedenheit führte.
Warum Cannabis das sexuelle Erleben stärken kann, ist nicht abschließend geklärt. Deutsche Forscher fanden heraus, dass beim Orgasmus körpereigene Endocannabinoide ausgeschüttet werden, die mit Lust verbunden sind. Wie genau Cannabis die sexuelle Funktion beeinflusst, bleibt jedoch unklar. Trotz bekannter positiver Effekte erleben einige auch negative Auswirkungen wie emotionale Distanz oder Rückzug, was die erotische Verbindung zum Partner schwächen kann.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cannabis für manche durch mehr Entspannung, Sensibilität und Genuss sexuelle Erfahrungen verbessern kann, die Wirkung jedoch individuell stark schwankt. Weitere Forschung ist nötig, um die zugrundeliegenden Mechanismen und individuellen Unterschiede besser zu verstehen.
Sind Cannabiskonsumenten glücklicher und freier in ihrer Sexualität?
Unsere Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die zeigen, dass akute THC-Intoxikation häufig mit weniger Aggressivität und einem subjektiven Anstieg von Offenheit, Frieden, Freude, Staunen, Spiritualität und Verbundenheit mit dem Universum einhergeht. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass regelmäßiger Cannabiskonsum die Geselligkeit, das tiefgründige Denken, Glücksgefühle, Freundlichkeit, Empathie, Einsicht in andere und persönliches Wachstum signifikant steigert. Cannabiskonsumenten zeigen zudem mehr Empathie für Gesichtsausdrücke anderer Menschen als Nicht-Konsumenten. Die Auswirkungen auf aggressives Verhalten werden jedoch durch verschiedene Faktoren wie genetische Variationen, individuelle Unterschiede in psychischer und körperlicher Gesundheit, Erfahrungen, soziale und Umweltfaktoren sowie die natürliche Vielfalt an Cannabis-Strains moduliert.
Die biopsychosozialen Mechanismen der transformativen Wirkung von Cannabis auf die Wahrnehmung sind noch wenig direkt erforscht. Sie lassen sich aber in umfassendere verhaltens- und neurokognitive Modelle emotionalen und zwischenmenschlichen Verhaltens einordnen. Cannabiskonsum kann Verhaltensweisen fördern, die auf Vertrauenswürdigkeit und Nachgiebigkeit beruhen, wodurch soziale Bindungen gestärkt und das psychosoziale Gleichgewicht gefördert werden. Die mit Cannabis gestärkte Empathie gegenüber anderen ist vor allem in der Adoleszenz wichtig für prosoziales Verhalten und moralische Entwicklung.

Pharmakologisch aktiviert Cannabiskonsum das Endocannabinoid-System, das Stressreaktionen und Belohnungsmotivation reguliert. Konsument*innen zeigen eine verminderte Amygdala-Reaktivität auf bedrohliche Reize und berichten von mehr Entspannung, Frieden und Komfort. Diese Effekte stehen im Kontrast zu den häufig aggressionsfördernden Wirkungen von Alkohol.
Unsere Studie hat jedoch Einschränkungen: Querschnittsanalyse erlaubt kein Nachverfolgen der Teilnehmenden über die Zeit oder die Bewertung individueller Veränderungen. Die Stichprobe besteht überwiegend aus Psychologiestudierenden an Universitäten und ist möglicherweise nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragbar. Unterschiede in Demografie und Erfahrungen mit Cannabis, wie sie zwischen Hochschul- und Nicht-Hochschulstudent*innen bestehen, könnten die Auswirkungen beeinflussen. Dennoch liefert die breite und vielfältige Stichprobe einer „Mehrheit-Minderheit“-Institution wertvolle Einblicke in die normativen psychologischen Funktionen bei jungen Erwachsenen.
Hast du angefangen, mehr neue Dinge auszuprobieren?
Cannabiskonsum geht oft mit Offenheit für neue Erfahrungen einher – auch in Bezug auf Sexualität und Exploration. Cannabis kann durch Hemmungslösung und Intensivierung der Sinneseindrücke dazu beitragen, Facetten der eigenen Sexualität zu entdecken, die einem zuvor vielleicht nicht bewusst waren. Für manche führt der veränderte Bewusstseinszustand unter Einfluss von Cannabis zu größerer Selbstakzeptanz und Offenheit für eigene Wünsche – bis hin zu mehr Experimentierfreude oder dem Ausprobieren von Fetischpraktiken, wie Studien zeigen.
Die psychoaktiven Effekte der Pflanze können soziale Stigmata und innere Hemmungen abbauen, sodass sich Menschen ihren authentischen Sehnsüchten ohne Angst vor Bewertung hingeben können. Das durch Cannabis ausgelöste Wohlbefinden und die Euphorie machen sinnliche Erfahrungen oft intensiver und reizvoller. Dieses Phänomen unterstreicht die komplexe Beziehung zwischen Geist, Körper und Substanz, wobei Cannabis als Katalysator für die Entdeckung der eigenen Sexualität dienen kann. Wichtig ist aber, dass Cannabis zwar zu mehr Exploration einladen, jedoch die sexuelle Orientierung oder Präferenz nicht grundsätzlich verändern kann. Vielmehr wird ein Umfeld geschaffen, das die Selbsterkundung und den Ausdruck unterdrückter Seiten begünstigt. Die Verbindung von Cannabiskonsum und sexueller Entdeckung spiegelt so die Vielfalt menschlicher Sexualität und Zugänge zur eigenen Lust wider.
Wählst du mehr unterschiedliche Sexualpartner, seit du Cannabis konsumierst?
Eine erste Analyse ergab, dass Frauen, die von Cannabiskonsum berichteten, eher ungeschützten Sex mit Hauptpartnern hatten als Frauen ohne Cannabiskonsum. Keine anderen Substanzvariablen zeigten einen signifikanten Zusammenhang. Auffällig ist, dass Schwarze und lateinamerikanische Frauen geringere Wahrscheinlichkeiten für ungeschützten Sex mit dem Hauptpartner hatten als Frauen anderer Ethnien. Auch ein höheres Alter ging mit geringerer Wahrscheinlichkeit für ungeschützten Sex mit Hauptpartnern einher.

Diese Ergebnisse beleuchten die differenzierte Beziehung zwischen Cannabiskonsum und sexuellem Verhalten bei Frauen und zeigen die Rolle von demografischen Faktoren wie Ethnie und Alter auf. Die festgestellten Unterschiede verdeutlichen, wie wichtig ein intersektionaler Ansatz zur Förderung der sexuellen Gesundheit und für gezielte Prävention ist. In einer zweiten Analyse hatten Frauen mit Cannabiskonsum ein erhöhtes Risiko, ungeschützten Sex mit Gelegenheits-Partnern zu haben. Frauen mit Opioidkonsum hingegen hatten ein niedrigeres Risiko. Schwarze Frauen zeigten wiederum ein geringeres Risiko als Frauen anderer Ethnien.
In der dritten Analyse hatten Frauen, die Cannabis konsumierten, höhere Chancen auf ungeschützten Sex mit zahlenden Partnern als Nicht-Konsumentinnen. Andere Substanzen waren hier nicht signifikant. Schwarze Frauen wiesen jedoch – erneut – ein geringeres Risiko als andere Ethnien auf. Ein höheres Alter stand hier mit einem gestiegenen Risiko beim primären Partner im Zusammenhang.

In der vierten Analyse zeigte sich, dass Frauen, die Cannabis konsumieren, häufiger mehrere Sexualpartner haben als Nicht-Konsumentinnen. Für andere Substanzen zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang. Beschäftigte Frauen hatten außerdem häufiger mehrere Sexualpartner als Arbeitslose.
In der fünften Analyse hatten Schwarze Frauen ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Infektionen (STI) im Vergleich zu Frauen anderer Ethnien. Für Substanzkonsum gab es hier keinen signifikanten Zusammenhang. In der sechsten Analyse zeigte sich, dass Frauen, die andere illegale Substanzen konsumierten, häufiger mit HIV diagnostiziert wurden. Auch Schwarze Frauen hatten ein erhöhtes HIV-Risiko gegenüber anderen Ethnien.
Diese Ergebnisse zeigen das komplexe Zusammenspiel zwischen Substanzkonsum und sexuellem Verhalten bei Frauen, wobei die unterschiedlichen Auswirkungen verschiedener Substanzen auf Risikoverhalten deutlich werden. Die Unterschiede in STI- und HIV-Häufigkeit betonen zudem die Wichtigkeit, strukturelle und soziale Gesundheitsdeterminanten in Präventionskonzepte einzubeziehen.
Hat dir Cannabis geholfen, deine Sexualität besser zu entdecken?
Die möglicherweise vermittelnde Rolle der psychischen Gesundheit im Zusammenhang von Geschlecht, sexueller Identität und Cannabiskonsum wurde belegt. Zwei wichtige Trends stechen bei den indirekten Effekten der Modelle hervor: Erstens berichten weibliche, nicht-binäre und sexuelle Minderheiten unter Jugendlichen deutlich häufiger Symptome internalisierender Störungen als ihre Pendants. Zweitens besteht eine starke Verbindung zwischen einer höheren Wahrscheinlichkeit von Cannabiskonsum und einem mäßig bis hohen Risiko für diese psychischen Symptome.

Während sich die Gesamteffekte je Modell unterscheiden, zeigt sich durch die direkten Effekte ein konsistentes Muster – internalisierende Symptome vermitteln den Cannabiskonsum über die drei Gruppen hinweg. Bezüglich Geschlecht ist der Gesamteffekt geschlechtlicher Identität auf Cannabiskonsum für nicht-binäre Personen signifikant; für Frauen hingegen nicht. Für sexuelle Orientierung ist der Gesamteffekt auf Cannabiskonsum grenzwertig signifikant. Fügen die Forschenden internalisierende Symptome in das Modell ein, wird der direkte Effekt für nicht-binäre und marginal für weibliche Jugendliche signifikant reduziert. Ähnlich zeigt sich für sexuelle Orientierung eine Reduktion, wenn man die Symptome einbezieht – allerdings ohne statistische Signifikanz.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass internalisierende Störungen die Beziehung zwischen Geschlechts- und Sexualidentität und Cannabiskonsum unter Jugendlichen vermitteln. Während geschlechts- und sexualitätsbezogene Minderheiten häufiger entsprechende Symptome zeigen, erhöht deren Vorhandensein auch das Risiko für Cannabiskonsum. Das betont die Bedeutung, psychische Gesundheit gerade bei Minderheitenjugendlichen zu fördern, um das Risiko von Cannabiskonsum einzudämmen. Weitere Forschung sollte die zugrundeliegenden Mechanismen untersuchen und gezielte Interventionen zur Förderung von Wohlbefinden und Prävention von Substanzkonsum entwickeln.
Diese Studie nutzte eine große und diverse Stichprobe kanadischer Schüler*innen aus mehreren Provinzen, um die vermittelnde Rolle von psychischen Störungen in der Beziehung zwischen Cannabiskonsum, Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung zu untersuchen. Das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen psychischer Gesundheit und Cannabiskonsum bei Jugendlichen ist wichtig, insbesondere wegen möglicher negativer Langzeitfolgen und der besonderen Betroffenheit von Minderheiten.
Die Studie bringt drei zentrale Erkenntnisse, die im Rahmen der Minderheiten-Stresstheorie (minority stress theory) interpretiert werden können, welche davon ausgeht, dass Minderheiten höheren Stress durch Vorurteile und Diskriminierung erleben:
Erstens berichten weibliche, nicht-binäre und homosexuelle Jugendliche deutlich öfter über Risiken für psychische Erkrankungen als andere Gleichaltrige. Dies betont die Bedeutung, psychische Probleme frühzeitig zu erkennen und zu adressieren, da sie gravierende Folgen haben können.

Zweitens zeigte sich ein Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zwischen dem Risiko für psychische Symptome und der Wahrscheinlichkeit, Cannabis zu konsumieren. Fortgesetzter Cannabiskonsum im Jugendalter wurde mit zunehmenden Depressionssymptomen, Angststörungen und erhöhtem späteren Risiko für andere Drogen assoziiert. Dies spricht dafür, dass Jugendliche aus Minderheiten aus Stressbewältigungsgründen eher zu Cannabis greifen.
Drittens konsumieren geschlechts- und sexualitätsbezogene Minderheiten häufiger Substanzen, darunter auch Cannabis. Dies kann auf Belastungen wie ein unsicheres familiäres Umfeld oder schlechte Versorgungssituation im Gesundheitswesen hindeuten.
Praktische Empfehlungen umfassen gezielte Interventionen gegen Cannabiskonsum bei Jugendlichen, wobei Ansätze wie motivierende Gespräche und kognitive Verhaltenstherapie erfolgversprechend sind. Auch Elternhaltungen und Schulpolitik sollten berücksichtigt werden, um ein unterstützendes Umfeld zu schaffen. Limitationen bestehen u. a. in der Querschnittsanalyse und der einfachen Messung des Cannabiskonsums. Zudem ist die Verallgemeinerbarkeit auf andere Länder nicht gesichert.
Abschließend sollte die Forschung künftig qualitative Studien zu spezifischen Stressoren bei Minoritätenjugendlichen durchführen und die Wahrnehmung von Cannabiskonsum als Bewältigungsstrategie genauer untersuchen. Ebenso sind gesellschaftliche und gemeinschaftliche Stressoren sowie die Wirksamkeit spezifischer Therapieansätze zur Prävention von Substanzkonsum bei Minderheiten von Interesse.
Hat Cannabis deine Sexualität verändert?
Seit 2020 hat sich die rechtliche Lage in den USA stark gewandelt. Die Mehrheit der Amerikaner lebt heute in Bundesstaaten, in denen Cannabis zumindest teilweise legal ist. In 11 Bundesstaaten und im District of Columbia ist Cannabis vollständig legal, in 28 weiteren für medizinische Zwecke, und in 11 Staaten bleibt es komplett illegal. Trotz der rechtlichen Lage ist Cannabis äußerst populär und zählt vermutlich zu den wertvollsten Agrarprodukten des Landes.
Trotz der weiten Verbreitung sind wenige Studien den Auswirkungen von Cannabis auf sexuelle Erfahrungen bislang tiefgehend nachgegangen. Neue Forschungsansätze helfen nun, frühere Hinweise zu untermauern, denen zufolge ein erheblicher Anteil von Menschen Cannabis als förderlich für das Sexualleben erlebt.

In einer Studie der University of British Columbia wurden 216 Cannabiskonsument*innen befragt, die Cannabis im Zusammenhang mit Sex verwendeten. Die Mehrheit berichtete von positiven Wirkungen. Im Einzelnen:
- 74 % gaben an, empfindlicher für erotische Berührungen zu sein.
- 74 % erlebten mehr sexuelle Zufriedenheit.
- 70 % fühlten sich entspannter und präsenter beim Sex.
- 66 % verspürten mehr Lust bei Orgasmen.
- 59 % berichteten von gesteigerter sexueller Lust.
- Unter jenen mit Orgasmusproblemen konnte die Hälfte durch Cannabis leichter zum Höhepunkt kommen.
- 41 % gaben gemischte Effekte an, mit Verbesserungen in manchen und Nachteilen in anderen Bereichen.
- 39 % meinten, Cannabis verbessere sexuelle Erfahrungen immer.
- Nur 5 % fanden, Cannabis verderbe Sex grundsätzlich.
In einer anderen Studie der Saint Louis University wurde bei 373 Frauen, die gynäkologische Routinetermine wahrnahmen, das Thema Cannabiskonsum vor dem Sex untersucht. Ein Drittel konsumierte vor dem Sex Cannabis. Wer regelmäßig kurz vorher konsumierte, berichtete doppelt so häufig von tief befriedigenden Orgasmen im Vergleich zu Abstinenten oder Gelegenheits-Konsumentinnen.
Beide Studien arbeiteten mit sogenannten „Convenience Samples“, also einfach erreichbaren, freiwilligen Probanden. Sie sind nicht repräsentativ, die Ergebnisse stehen jedoch im Einklang mit anderen sozialwissenschaftlichen Befunden. Viele psychologische Studien beruhen aus praktischen Gründen auf solchen Samples – die Erkenntnisse geben jedoch wertvolle Hinweise für das Verständnis unterschiedlichster Phänomene.
Verbessert Cannabis die emotionale Verbindung zwischen Sexualpartnern?
Ob und wie Substanzkonsum, ganz besonders Cannabiskonsum, die Dynamik von Beziehungen beeinflusst, ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Manche sehen einen Zusammenhang zwischen Substanzkonsum und niedrigerer Beziehungszufriedenheit, mehr Scheidungen und häufigerem Aggressionsverhalten. Andere argumentieren, dass der Einfluss von Substanzen auf Beziehungen gering sei oder sogar positiv sein könne. So legen Studien etwa nahe, dass gemeinsamer Alkoholkonsum im Paar positive Effekte bringen kann.

Neuere Forschungsergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Cannabis, zeigen auf, dass gelegentlicher bis häufiger Konsum von Cannabis die Intimität in Beziehungen fördern kann. Forschende der University at Buffalo und University of Houston führten dazu mit 183 heterosexuellen Paaren aus dem Nordosten der USA ein 30-tägiges Tagebuch durch. Als Regelkonsumenten galten jene, die mindestens zweimal pro Woche konsumierten.
Die Teilnehmenden dokumentierten im Untersuchungszeitraum per App sowohl Konsumvorfälle als auch intime Begegnungen, definiert als Interaktionen oder bedeutungsvolle Gespräche mit Partner*in, die Intimität, Liebe, Fürsorge oder Unterstützung umfassten.
Die Auswertung brachte mehrere zentrale Erkenntnisse:
- Durchschnittlich wurde alle zwei Tage ein Intimitätserlebnis eingetragen.
- Intimitäts-Events kamen häufiger nach 17 Uhr als davor vor.
- Frauen berichteten signifikant mehr intime Ereignisse als Männer.
- Auch Cannabiskonsum fand im Mittel alle zwei Tage statt.
- Männer konsumierten signifikant häufiger als Frauen.
- Intimitätserlebnisse traten signifikant häufiger innerhalb von zwei Stunden nach Cannabiskonsum auf, unabhängig davon, ob einer oder beide konsumiert hatten.
- Die Ergebnisse weisen auf einen positiven Zusammenhang von Cannabiskonsum und Beziehungsintimität hin.
Die Forschenden schlussfolgern, dass der Konsum von Cannabis gemeinsam mit oder in der Anwesenheit des Partners nachfolgende Erfahrungen von Intimität fördert. Dieser Effekt zeigte sich bei allen Konstellationen – unabhängig vom Geschlecht und davon, ob einer oder beide beim Konsum beteiligt waren. Anders als bei Alkohol, wo Vorteile meist nur beim gemeinsamen Genuss auftreten, scheint Cannabis selbst bei Konsum nur eines Partners die Intimität in Beziehungen zu fördern.
Auch wenn diese Erkenntnisse auf einen möglichen Nutzen von Cannabis im Kontext romantischer Beziehungen deuten, gilt es vorsichtig zu sein und zu betonen, dass Korrelation nicht gleichbedeutend mit Kausalität ist. Weitere Forschung ist nötig, um die Mechanismen zu klären, die Cannabis und Intimität verbinden.
Externe Ressourcen
2. Wie Cannabis das sexuelle Erleben verändert: Eine Umfrage unter Männern und Frauen
3. Cannabiskonsum und Prosozialität
8. Aktuelles zu den sexuellen Effekten von Cannabis
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