Steigert Marihuana die Gehirnleistung oder schadet es ihr?
- 1. Trendwende: neue studien deuten an, dass marihuana subjektiven kognitiven rückgang mindern könnte
- 2. Weed ist bei jungen leuten verschwendet
- 3. Ein exkurs: warum wirkt cannabis überhaupt aufs gehirn?
- 4. Kurz- und langzeitwirkungen
- 4. a. Akute beeinträchtigung
- 4. b. Langzeitfolgen
- 4. c. Veränderungen der gehirnstruktur
- 5. Zu wenig humanstudien
- 6. Fazit: muss ich mir sorgen machen?
Es steht außer Frage, dass Marihuana unser Gehirn direkt beeinflusst und unsere Fähigkeit verändert, die einfachen Rätsel des Lebens wie im Autopilot zu lösen. Erinnerst du dich an das erste Mal, als du high warst? Erinnerst du dich, wie die vertrauten Straßen deiner eigenen Stadt plötzlich wie ein Labyrinth wirkten? Oder an diese hilflose Pause im Gespräch, wenn du vergessen hast, worüber du und deine Freunde eigentlich gerade gesprochen habt?
Kein Wunder, dass die Wissenschaft Marihuana bisher vor allem dafür erforscht hat, wie es uns „dümmer“ macht – das Gegenteil war selten im Fokus. Doch das beginnt sich zu ändern. Es gibt zwar noch viel, das wir über die Wirkung von Marihuana auf unsere kognitiven Fähigkeiten nicht wissen, aber diejenigen, die sich ihr Leben ohne diese Substanz nicht vorstellen können oder sie medizinisch nutzen, dürfen erst einmal aufatmen … und dann gleich noch einen Zug nehmen. Hoffentlich bringt er dich nicht einen Schritt näher an den geistigen Verfall.
Trendwende: Neue Studien deuten an, dass Marihuana subjektiven kognitiven Rückgang mindern könnte
In einer überraschenden Wendung hat eine neue Studie darauf hingewiesen, dass Marihuanakonsum mit geringeren Chancen auf subjektiven kognitiven Abbau (SCD) verbunden sein könnte und somit gängige Annahmen infrage stellt. Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal Current Alzheimer Research, stellte fest, dass Freizeitkonsum von Cannabis „signifikant“ mit einem geringeren SCD verbunden ist: Nutzer berichteten von weniger Verwirrtheit und Gedächtnisverlust als Nicht-Nutzer.
Für die Studie wurden 4.744 Erwachsene ab 45 Jahren zu ihrem Marihuanakonsum in den letzten 12 Monaten befragt. Die Forscher können nur spekulieren, warum der Freizeitkonsum scheinbar einen schützenden Einfluss auf das menschliche Gehirn ausübt.
Eine mögliche Erklärung, so die Autoren, ist, dass Cannabiskonsum die Schlafqualität verbessert und den Stresspegel senkt – beides entscheidend für die geistige Gesundheit. Es blieb unklar, ob die Forscher das Alter der Teilnehmenden berücksichtigten. Bekanntlich ist der Cannabiskonsum in jüngeren Altersgruppen verbreiteter, und man könnte erwarten, dass jüngere Teilnehmende ohnehin weniger Verwirrtheit und Gedächtnisverlust erleben als ältere. Außerdem dürfte es unter den Jüngeren mehr Freizeitkonsumenten geben.
| Kognitive Funktion | Primäres Hirnareal |
|---|---|
| Aufmerksamkeit | Präfrontaler Cortex, Parietallappen |
| Wahrnehmung | Okzipitallappen (Sehen), Temporallappen (Hören), Parietallappen (Tastsinn) |
| Gedächtnis | Hippocampus, Amygdala, Präfrontaler Cortex, Temporallappen |
| Lernen | Hippocampus, Amygdala, Präfrontaler Cortex, Basalganglien |
| Sprache | Broca-Areal, Wernicke-Areal, Gyrus angularis |
| Exekutive Funktionen | Präfrontaler Cortex |
| Problemlösung | Präfrontaler Cortex, Parietallappen |
| Kreativität | Präfrontaler Cortex, Temporallappen, Limbisches System |
| Emotionale Verarbeitung | Amygdala, Präfrontaler Cortex, Insula |
| Soziale Kognition | Präfrontaler Cortex, Temporallappen, Amygdala, Sulcus temporalis superior |
Ebenfalls interessant ist, dass der medizinische Konsum – auch in Kombination mit Freizeitkonsum – nur sehr schwach mit weniger kognitivem Abbau assoziiert war. Eine mögliche Erklärung: Ältere und tendenziell weniger gesunde Menschen, die Marihuana medizinisch verwendeten, hatten ohnehin häufiger kognitive Einschränkungen.
Neben dem Grund des Konsums – medizinisch vs. nicht-medizinisch – untersuchte die Studie auch Häufigkeit und Art der Anwendung. Es zeigte sich, dass häufigerer Konsum sowie Rauchen im Vergleich zu Verdampfen oder Edibles jeweils nur einen minimalen (statistisch nicht signifikanten) Anstieg an selbstberichteten mentalen Problemen aufwiesen.
Weed ist bei jungen Leuten verschwendet
Kundige Leser haben sicher einen wichtigen Aspekt dieser Studie nicht übersehen: Sie betrachtete ausschließlich Erwachsene mittleren oder höheren Alters. Warum ist das wichtig? Weil immer mehr Studien zeigen, dass es tatsächlich eine Rolle spielt, in welchem Alter jemand das erste Mal mit Marihuana in Berührung kommt.
Teenager und junge Erwachsene, vor allem jene mit einer Cannabisgebrauchsstörung, verpassen vieles im Leben – darunter Bildung, Karrieremöglichkeiten, das Kennenlernen vieler neuer Menschen und das Reisen an viele Orte. Für Ältere hingegen kann der Cannabiskonsum neue Perspektiven eröffnen, einen frischen Blick auf die Dinge ermöglichen oder ihnen helfen, aus festgefahrenen Denkmustern auszubrechen.

Es gibt einige Studien, die nahelegen, dass früher Kontakt mit Marihuana zu Defiziten bei Gedächtnis und Kognition im späteren Leben führt. Eine Rattenstudie von 2007 zeigte, dass „die Exposition gegenüber Cannabinoiden in früher Entwicklungsphase zu bleibenden, subtilen Funktionsstörungen im Nachwuchs führen kann.“ Eine weitere Studie von 2005 belegte, dass vorgeburtlicher Kontakt mit einem synthetischen Cannabinoid, das an denselben Rezeptor wie THC bindet, „zu den beobachteten Lernstörungen und verringerten emotionalen Reaktionen bei den Nachkommen führte“. Noch eine andere Studienreihe – diesmal an Affen – ergab, dass „anhaltende Effekte von THC auf kognitive Fähigkeiten insbesondere dann deutlich sind, wenn die Exposition mit Entwicklungsphasen zusammenfällt, in denen die zugrunde liegenden neuronalen Schaltkreise aktiv reifen.“
Über Tiermodelle hinaus fand ein Bericht aus dem Jahr 2012 kognitive Defizite bei langjährigen Cannabiskonsumenten, die in der Jugend mit dem starken Konsum begonnen hatten. Selbst diejenigen, die später aufhörten, erreichten nicht mehr vollständig ihr ursprüngliches neuropsychologisches Leistungsniveau.
Das Problem solcher Studien besteht darin, dass nicht sicher festgestellt werden kann, ob Marihuanakonsum wirklich die Ursache des kognitiven Abbaus ist oder ob zugrundeliegende Faktoren – etwa geringerer sozioökonomischer Status – sowohl zu kognitiven Problemen als auch zu früherem/missbräuchlichen Cannabiskonsum führen.
Ein Exkurs: Warum wirkt Cannabis überhaupt aufs Gehirn?
Wenn du Marihuana konsumierst, gelangt eine chemische Verbindung namens THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) in deinen Körper. THC ist der Hauptwirkstoff im Marihuana, der das High verursacht. Es wirkt, indem es die natürlichen Neurotransmitter deines Körpers imitiert – sogenannte Endocannabinoide, die eine ähnliche Struktur haben.
Insbesondere interagiert THC mit CB1-Rezeptoren. Das sind winzige Proteine auf deinen Zellen, die chemische Signale aus unterschiedlichen Reizen empfangen und die Zellantwort steuern. CB1-Rezeptoren finden sich vorrangig im Gehirn und Nervensystem sowie in peripheren Organen und Geweben.

CB1-Rezeptoren sind Teil des Endocannabinoid-Systems (ECS), eines komplexen zellulären Signalsystems, das Anfang der 1990er-Jahre von Forschern bei der Untersuchung von THC entdeckt wurde. Dieses System spielt eine Rolle bei der Regulierung zahlreicher Körperfunktionen wie Schlaf, Stimmung, Appetit, Gedächtnis, Fortpflanzung und Fruchtbarkeit. Das Endocannabinoid-System existiert und ist aktiv, selbst wenn du kein Cannabis konsumierst.
Wenn jedoch THC auf das ECS trifft, stört es dessen normale Funktion und verursacht verschiedene Effekte wie veränderte Sinneswahrnehmung, Stimmungsänderungen, Gedächtnisstörungen und in manchen Fällen Halluzinationen. Dieser Vorgang löst die psychoaktiven Effekte von Marihuana aus.
Kurz- und Langzeitwirkungen
Beim Studium der Auswirkungen von Marihuana auf das Gehirn sollte unterschieden werden zwischen akuten Effekten, die nur während des Highs auftreten, kurzfristigen Effekten, wie verminderter Konzentrationsfähigkeit oder geringerer Motivation, die Stunden oder sogar Tage nach dem Konsum anhalten können, und langfristigen Auswirkungen, die auch dann noch spürbar sind, wenn der Konsum längst eingestellt wurde.
Akute Beeinträchtigung
Niemand bestreitet, dass ein High durch Weed die Fähigkeit beeinträchtigt, Dinge zu verstehen und zu behalten oder vernünftige Entscheidungen zu treffen. Ebenso klar ist aber auch, dass Langzeitkonsumenten eine gewisse Toleranz gegenüber diesen Effekten entwickeln. Besonders für die Verkehrssicherheit ist dieses Thema wichtig: Studien zeigen, dass die Fahrtüchtigkeit nach dem Konsum davon abhängt, ob Konsumenten nur gelegentlich oder regelmäßig rauchen.
Eine australische Studie untersuchte die kognitive Leistung von Krebspatienten, die Cannabis zur Symptomlinderung nutzten. Sie konsumierten Marihuana im Labor und absolvierten anschließend verschiedene Kognitionstests. Wie erwartet zeigten sich keine signifikanten Einschränkungen beim logischen Denken, Erinnern oder Treffen von Entscheidungen – diese langjährigen Patienten hatten sich an das High gewöhnt.

Die australischen Wissenschaftler wiesen außerdem darauf hin, dass die akuten Effekte von Marihuana im echten Leben eine noch geringere Rolle spielen, da viele Patienten ihre Medikamente vor dem Schlafengehen einnehmen – wenn mögliche kognitive Beeinträchtigungen keine Bedeutung mehr haben.
Langzeitfolgen
Erhältliche Forschungsergebnisse zeigen anhaltende, messbare Unterschiede im Denken zwischen Rauchern und Nicht-Rauchern. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, alle möglichen Einflussfaktoren – wie Alkoholkonsum oder genetische Veranlagung, aber auch Sozialstatuts – herauszurechnen. Berücksichtigt man all das, bleiben die Ergebnisse bestenfalls uneindeutig.
Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen schlechterem verbalen Gedächtnis und der Menge an lebenslang konsumiertem Cannabis – aber keine bedeutsamen Unterschiede in anderen kognitiven Bereichen zwischen ehemaligen Rauchern und Nicht-Rauchern. Diese Studie begleitete 5.115 Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren über 25 Jahre hinweg.
Eine andere Studie aus 2015 fand bei eineiigen Zwillingspaaren keinen Unterschied im IQ, wenn nur einer von beiden Cannabis konsumiert hatte – hier überwogen offenbar genetische Einflüsse.
Das National Institute of Drug Abuse erkennt in seinem Übersichtsartikel die unsichere Datenlage an und hofft auf zukünftige Forschung – insbesondere auf die geplante Längsschnittstudie „Adolescent Brain Cognitive Development“ (ABCD), die amerikanische Jugendliche vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter begleitet und untersucht, wie sich Cannabiskonsum bei einigen auf die Gehirnstruktur und langfristig im Vergleich zu Nicht-Konsumenten auswirkt.

Veränderungen der Gehirnstruktur
Auch die Frage, ob Cannabis die Struktur des Gehirns tatsächlich verändert, bleibt ungeklärt. Besonders interessiert Wissenschaftler die Großhirnrinde, der Bereich, der für höhere geistige Funktionen wie Denken, Entscheiden und Erinnern verantwortlich ist.
Frühere Studien fanden einige Unterschiede, doch eine Studie von 2018 fand keinen Hinweis darauf. Das Forscherteam verglich 141 Cannabiskonsumenten mit 120 Kontrollpersonen und untersuchte die folgenden Merkmale der Großhirnrinde:
- Kortikale Dicke,
- Oberfläche,
- Gyrifizierungsindex,
und konnte in keinem der Bereiche Unterschiede zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern feststellen.
Vielleicht wird die oben erwähnte ABCD-Studie diesbezüglich Klarheit bringen.
Zu wenig Humanstudien
Ein Blick auf die wissenschaftliche Literatur zeigt: Es gibt viele Tierversuche, aber noch zu wenige Studien mit Menschen. Das dürfte sich ändern, da immer mehr Menschen – insbesondere Patienten – Cannabis konsumieren. Das bereitet Fachleuten zwar Sorgen bezüglich der Volksgesundheit, bietet aber gleichzeitig die Chance, die Auswirkungen auf Hirnfunktionen genauer zu untersuchen – und vielleicht endlich die Frage zu beantworten: Macht Gras uns wirklich dümmer, oder nicht?
Fazit: Muss ich mir Sorgen machen?
Wir sind sicher, dass unsere Leserinnen und Leser ihren Intellekt sehr wertschätzen – und ungern weiter rauchen möchten, wenn es nachgewiesenermaßen der Gehirnleistung schadet. Zur Beruhigung: Der „Teufelskraut“-Ruf ist schlimmer als die realen Auswirkungen von Marihuana. Aber ob es nicht zumindest ein wenig schadet? Wir wissen es einfach nicht mit Sicherheit – und mit „wir“ ist auch die Wissenschaft heute gemeint.
Während Forscher weiter nach einer endgültigen Antwort suchen: Konsumiert mit Maß und lasst es nicht problematisch werden! Und wer jung ist und bislang noch nie geraucht hat, wartet vielleicht lieber, bis das Gehirn ausgereift ist – um nicht zu schaden, sondern vielleicht sogar von Marihuana zu profitieren.
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