HIV und Cannabis: Potenzielle Therapie oder riskantes Geschäft?

10 April 2024
Überlegst du, Cannabis gegen HIV-Symptome zu nutzen? Erfahre, was die Forschung über Vorteile und Risiken sagt.
10 April 2024
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HIV und Cannabis: Potenzielle Therapie oder riskantes Geschäft?

Inhalt:
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  • 1. Warum verwenden menschen mit hiv cannabis?
  • 2. Vorteile und zugrundeliegende mechanismen
  • 2. a. Antientzündliche eigenschaften
  • 2. b. Linderung neuropathischer schmerzen
  • 2. c. Linderung von Übelkeit
  • 2. d. Appetitanregung
  • 2. e. Besseres wohlbefinden
  • 2. f. Besserer schlaf
  • 2. g. Virenaktivität hemmen
  • 3. Mehr nutzen oder mehr risiken?
  • 3. a. Neurokognitive leistungsfähigkeit
  • 3. b. Therapietreue
  • 4. Weitere vorteile des cannabiskonsums bei hiv-patienten
  • 4. a. Reduzierter opioidkonsum
  • 4. b. Mehr körperliche aktivität
  • 5. Cbd: die nicht berauschende, legale alternative
  • 6. Anstehende forschung
  • 7. Fazit

Wir sind weit entfernt von der Zeit, in der eine HIV-Diagnose einem Todesurteil gleichkam. Heutzutage können Menschen mit einer Infektion durch das Humane Immundefizienz-Virus dank der Einführung der antiretroviralen Therapie (ART) ein langes, produktives, glückliches und relativ gesundes Leben führen, da die verfügbaren Medikamente helfen, die Erkrankung zu kontrollieren.

Dennoch ist die Zukunft für Menschen mit HIV (PLWH, kurz für People Living With HIV) nicht so rosig. Das Vorhandensein des Virus im Körper sowie die Nebenwirkungen der ART-Medikamente fordern ihren Tribut. Genau hier könnte Cannabis helfen, denn verschiedene Patientengruppen haben diese Pflanze schon traditionell bei vielen Begleitsymptomen von HIV eingesetzt. Andererseits sehen viele Mediziner Cannabis-Einsatz bei HIV kritisch, da wir noch immer wenig darüber wissen, wie Cannabis die Gesundheit von HIV-Infizierten beeinflusst, welche Langzeitfolgen es haben kann und wie die Wechselwirkungen mit antiviralen Therapien aussehen.

In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die derzeit verfügbare Forschungslage. Hoffentlich lassen sich daraus praktische Rückschlüsse auf Nutzen und Risiken des Cannabiskonsums bei HIV ziehen.

Warum verwenden Menschen mit HIV Cannabis?

Wie bei anderen schweren Erkrankungen wie Krebs oder Multipler Sklerose nutzen auch HIV-Patienten Cannabis, um verschiedenste Symptome zu lindern, die ihr Leiden verursachen. Sie hoffen dabei auch, dass das Wohlbefinden, das Cannabis ihnen verschafft, hilft, das zugrundeliegende Problem zu bekämpfen. Je mehr wir diese erstaunliche Pflanze erforschen, desto klarer wird: Cannabiskonsum könnte tatsächlich Vorteile über die bloße Symptomkontrolle hinaus haben.

Historisch gesehen gehörten Patenten mit HIV und AIDS zu den ersten, die medizinisches Marihuana verwendeten – und ihr Konsum ist bis heute deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Viele von uns kennen Berichte darüber, wie HIV-Patienten Cannabis in ihren Alltag integrieren; manche kennen sogar Betroffene persönlich. Die Wissenschaft bestätigt ebenfalls, dass der Gebrauch von Cannabis in HIV-positiven Gruppen weit verbreitet ist.

Eine Studie untersuchte HIV-positive Patienten einer großen Klinik und stellte fest, dass ein Drittel zur Symptombehandlung Cannabis nutzt. Die häufigsten genannten Vorteile waren:

 

Die häufigsten berichteten Vorteile
Verbesserter Appetit 97%
Linderung von Muskelschmerzen 94%
Linderung von Übelkeit 93%
Linderung von Angstzuständen 93%
Linderung von Nervenschmerzen 90%
Linderung von Depressionen 86%
Linderung von Parästhesien 85%

 

Allerdings gibt es einen Haken: Eine große Minderheit der Befragten (47%) gab an, dass Marihuana den negativen Einfluss auf ihr Gedächtnis hat.

Eine andere Studie untersuchte den Prozentsatz von HIV/AIDS-Patienten, die im letzten Monat Marihuana verwendet hatten – die Zahlen lagen bei bis zu 23%. Die häufigsten genannten Vorteile waren:

  • Linderung von Angst und/oder Depression (57%)
  • Verbesserter Appetit (53%)
  • Erhöhtes Lustempfinden (33%)
  • Schmerzlinderung (28%)

Vorteile und zugrundeliegende Mechanismen

Einige der von HIV-Patienten berichteten Vorteile des Cannabiskonsums sind so häufig und seit so vielen Jahrzehnten beobachtet worden, dass ihre Existenz kaum angezweifelt wird. Darüber hinaus erforschen Wissenschaftler inzwischen die zugrundeliegenden Mechanismen, die Cannabis so nützlich machen – und sie haben bereits einige entdeckt. Schauen wir uns das genauer an.

 

Antientzündliche Eigenschaften

Die Fähigkeit von Cannabinoiden, Entzündungen zu reduzieren, ist gut dokumentiert – und Entzündungen spielen bei vielen Krankheiten, auch HIV, eine große Rolle. Leider entwickeln HIV-Patienten häufig weitere Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes oder Krebs – und bei allen spielt systemische Entzündung eine Schlüsselrolle. Die beiden Hauptbestandteile von Cannabis – THC und CBD – wurden lange als potenzielle Immunmodulatoren untersucht, meistens allerdings an Zellkulturen oder in Tierversuchen. Daten aus Humanstudien fehlen bislang.

Eine Studie zeigte, dass die Aktivierung des CB2-Rezeptors die Ausbreitung von HIV im Körper verringern kann. CB2-Rezeptoren gibt es zu Hauf im Darm, sie werden sowohl von CBD als auch THC angesprochen. In einer Studie wurden Laboraffen mit einem HIV-ähnlichen Virus infiziert und dann mit THC behandelt. Diese psychoaktive Hauptsubstanz von Marihuana reduzierte den Schweregrad der Krankheit und verbesserte die Gesundheit des Darms.

Bei HIV-Patienten wurde die Cannabisanwendung mit niedrigeren Werten spezifischer Zellen und Proteine in Verbindung gebracht, die mit dem Fortschreiten von HIV und damit verbundenen Gesundheitsproblemen zusammenhängen.

Unter allen Cannabinoiden erforschen Wissenschaftler CBD (Cannabidiol) besonders gern, da es nicht das für Marihuana typische High auslöst, aber viel medizinisches Potenzial zeigt. Dieser Stoff hat in Untersuchungen Entzündungen in HIV-infizierten Gehirnzellen reduziert. HIV-induzierte Neuroinflammation kann eine Kettenreaktion auslösen, indem infizierte Zellen im Gehirn aktiviert werden, sich replizieren und das Virus erneut im Körper verbreiten. CBD unterbricht diesen Prozess, reduziert Entzündungen und hält diese Zellen inaktiv.

Auch in einer weiteren Studie an HIV-infizierten menschlichen Zellen zeigte CBD anti-entzündliche Effekte. Der zugrunde liegende Mechanismus war die verringerte Produktion von mehreren Zytokinen und Chemokinen – diese Stoffe fördern Entzündungen. Für tiefer Interessierte: CBD war auch hilfreich dabei, ein Protein namens Caspase-1 zu deaktivieren und die Aktivität des NLRP3-Gens zu senken. Beides spielt eine wesentliche Rolle im Entzündungsprozess. Zusätzlich verringerte CBD deutlich die HIV-Menge in den Zellen.

Linderung neuropathischer Schmerzen

Neuropathische Schmerzen – häufig als "Ameisenlaufen" oder Kribbeln, besonders in Händen und Füßen, beschrieben – sind bei HIV sehr häufig. Sie können durch das Virus selbst oder durch die eingesetzten Medikamente entstehen. Diese Schmerzform kann die Lebensqualität der Patienten enorm beeinträchtigen; eine wirksame Behandlung ist dringend nötig.

Sowohl Tier- als auch klinische Studien deuten darauf hin, dass Cannabis und einzelne Wirkstoffe neuropathische Schmerzen lindern können. In einer Studie an Ratten wurde die schmerzlindernde und zugleich entzündungshemmende Wirkung von CBD untersucht. Die Studie zeigte: CBD reduzierte die Produktion verschiedener entzündungsfördernder Substanzen im Körper der Tiere, was zu geringeren neuropathischen Schmerzen führte.

 

"Ameisenlaufen" ist äußerst unangenehm – Cannabis hilft, es zu beseitigen.
 

Eine weitere Studie untersuchte die eigentlichen Ziele von Cannabis-Wirkstoffen bei der Schmerzlinderung. Üblicherweise beeinflussen Cannabinoide spezielle Rezeptoren – CB1 und CB2 – doch in diesen Nagetier-Experimenten zeigte sich: Die Linderung neuropathischer Schmerzen erfolgte vorrangig über die Aktivierung des sogenannten α3-Glycinrezeptors.

Ein klinisches Experiment an HIV-Patienten mit neuropathischen Schmerzen ergab, dass das Rauchen von Cannabis die täglichen Schmerzen um 34% reduzierte (im Vergleich zu 17% beim Placebo). In einer weiteren Studie wurde eine Schmerzreduktion von 52% bei HIV-bedingter sensorischer Neuropathie in der Cannabis-Gruppe verzeichnet – gegenüber 24% bei Placebo. Diese Ergebnisse und zahllose Erfahrungsberichte machen Hoffnung, dass Cannabis für HIV-Patienten bei neuropathischen Schmerzen eine vielversprechende Option ist.

Linderung von Übelkeit

Cannabis wird seit Jahrhunderten gegen Übelkeit und Erbrechen eingesetzt. In jüngerer Zeit waren zunächst Patienten unter Chemotherapie oder mit anderen Ursachen für Übelkeit die ersten, die es verwendeten. Bei HIV sind Übelkeit und Erbrechen eine häufige Nebenwirkung bestimmter antiviraler Medikamente, vor allem von Proteasehemmern. Deshalb könnte die antiemetische Wirkung von Cannabis von besonderem Wert sein.

Leider wurden diese Effekte bei HIV-Betroffenen nicht spezifisch untersucht, sie wurden jedoch in anderen Studien beobachtet. Eine Studie untersuchte Dronabinol, ein synthetisches Äquivalent zu THC, und dokumentierte eine Reduzierung von Übelkeit bei AIDS-Patienten. Die Forscher legen nahe, dass Cannabis für Patienten, die auf konventionelle Medikamente nicht ansprechen, eine sinnvolle Option sein könnte.

Medizinische Cannabispatienten sollten jedoch vorsichtig sein, da Cannabis auch gegenteilig wirken kann: Immer häufiger wird über das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom (CHS) berichtet – eine seltene, aber hartnäckige Reaktion, bei der Menschen nach Cannabis-Konsum zu erbrechen beginnen. Das betrifft nur sehr wenige starke, tägliche Nutzer, allerdings nehmen manche medizinische Patienten dauerhaft hohe Mengen zu sich und riskieren damit CHS.

Appetitanregung

Ein weiterer, weithin bekannter positiver Effekt von Cannabis ist die Appetitanregung – das macht es scheinbar gerade für HIV-Patienten besonders geeignet. Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust sind ernste Probleme und können zum sogenannten AIDS-Kachexie-Syndrom führen. Dabei verlieren Patienten mehr als 10% ihres Körpergewichts und haben über 30 Tage hinweg Durchfall oder Fieber.

 

Weed ist berühmt für seine appetitanregende Wirkung.
 

Die Standardbehandlung zielt darauf ab, den Appetit anzuregen, meist mit dem Medikament Megestrolacetat (Megace). Von den cannabisähnlichen Stoffen wurde bislang nur Dronabinol (Marinol, siehe oben) in diesem Zusammenhang getestet. Diese synthetische THC-Form steigerte tatsächlich den Appetit von AIDS-Patienten und half, das Gewicht stabil zu halten.

Während Dronabinol oral eingenommen wird, bevorzugen manche Patienten natürliches Cannabis – sie rauchen nur so viel, dass ihre Beschwerden gelindert werden und freuen sich über die verbesserte Appetit als angenehmen Nebeneffekt. Das war auch Gegenstand von Sicherheitsstudien: Eine kleine Untersuchung aus dem Jahr 2000 zeigte, dass HIV-Patienten, die über 21 Tage Marihuana rauchten, währenddessen keinen Anstieg des HIV-Virus zeigten. Der Autor schlug daraufhin vor, dass medizinisches Marihuana erfolgreich zur Begleittherapie bei Kachexie eingesetzt werden kann.

 

Besseres Wohlbefinden

Auch wenn die stimmungsaufhellende Wirkung von Marihuana nicht jedermanns Sache ist (manche empfinden sie sogar als unangenehm), kann es für die meisten Betroffenen und nicht nur bei HIV, sondern allen chronisch einschränkenden Erkrankungen, eine gute Option sein.

Insbesondere Patienten, bei denen HIV zu AIDS fortgeschritten ist, berichten über Trauer, Ängste und Depressionen. Einige, die Marihuana zur Linderung körperlicher Beschwerden nutzen, berichten auch von einer Besserung der Stimmung. Eine aktuelle Marinol-Studie ergab, dass Euphorie bei AIDS- und Krebspatienten ein erwünschter Nebeneffekt ist.

Besserer Schlaf

Die Auswirkungen von Cannabis auf den Schlaf werden kontrovers diskutiert. Viele Sorten eignen sich hervorragend als Schlafhilfe, könnten aber langfristig sogar schadhaft wirken. Tatsächlich sind schlechter Schlaf oder gar Schlaflosigkeit nach dem Absetzen von Cannabis weit verbreitet. Andererseits ist der durch Cannabis ermöglichte, erholsame Schlaf für Patienten mit schweren Erkrankungen – wie HIV – von großem Nutzen, selbst wenn langfristig Risiken drohen. Kein Wunder also, dass viele HIV-Patienten berichten, Cannabis für besseren Schlaf zu nutzen.

Eine große Umfrage ergab, dass Teilnehmer, die Cannabis zur Schlafhilfe nutzten, morgens erholter und leistungsfähiger waren als jene, die herkömmliche Schlafmittel oder gar keine einnahmen. Sie nannten auch weniger Kopfschmerzen und Übelkeit. Im Vergleich zu anderen Schlafmitteln machte Cannabis jedoch häufiger am nächsten Morgen müde, nervös oder gereizt.

Eine weitere Studie mit HIV-Patienten mit Insomnie/Sleep Disorders ergab, dass 71% nach Cannabiskonsum besser schliefen. Zusätzlich konnten 39% ihre verschriebenen Schlafmittel reduzieren oder ganz absetzen. Nur 21% meldeten Nebenwirkungen – diese waren aber nicht stark genug, um den Cannabiskonsum aufzugeben.

 

Die Effekte von Cannabis auf den Schlaf sind noch umstritten, aber vielversprechend.

Virenaktivität hemmen

Ein wiederholtes Thema in der Cannabisforschung: Zunächst wird untersucht, ob Cannabis Symptome einer Erkrankung lindert, dann entdeckt man seine Fähigkeit, an der Wurzel der Krankheit anzusetzen – im Fall von HIV also das Virus selbst zu hemmen. Die große Frage ist, ob Cannabis die Aktivität von HIV wirklich unterdrücken kann.

Eine Studie untersuchte Menschen unter antiretroviraler Therapie, von denen einige begleitend Cannabis konsumierten. Ergebnis: Bei Cannabiskonsumenten nahm das HIV-DNA im Körper schneller ab. Dieses Absinken beschreibt die Verringerung des genetischen Materials des Virus – ein Schlüsselindikator für den Therapieerfolg.

Eine weitere Studie zu starkem Cannabiskonsum bei HIV-Patienten ergab: Bei Vielnutzern waren die Mengen aktivierter und entzündlicher Immunzellen reduziert. Das legt nahe, dass Cannabis während der ART systemische Entzündungen und Immunaktivierung senken könnte.

Mehr Nutzen oder mehr Risiken?

Während einige Effekte von Cannabis auf HIV-Patienten (siehe oben) auf mögliche Vorteile untersucht werden, gibt es auch Bedenken. Doch selbst hier könnten Überraschungen warten – und statt Risiken und Schäden erleben HIV-Betroffene womöglich sogar Entlastung.

Neurokognitive Leistungsfähigkeit

Eine Hauptsorge für Menschen mit HIV: Abbau kognitiver Fähigkeiten, insbesondere mit zunehmendem Alter. Das Virus verursacht bekanntermaßen Entzündungen und Nervenschäden. Da HIV-Patienten heute eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie die Allgemeinbevölkerung haben, summiert sich dieser Schaden über die Jahre.

Klar ist: Unter Cannabiseinfluss sind Gedächtnis und Konzentration beeinträchtigt. Bei starken Konsumenten zeigen sich kognitive Einschränkungen oft auch in cannabisfreien Phasen. Es gibt Hinweise, dass die frühe Aufnahme des Cannabiskonsums während der Teenagerzeit sogar den IQ beeinflussen kann.

Man könnte vermuten, dass HIV-Patienten besonders betroffen sind – doch das scheint nicht der Fall zu sein. Eine Studie zu Cannabiskonsum und neurokognitiven Beeinträchtigungen (NCI) bei HIV ergab eher einen neuroprotektiven Effekt. Als Grund wird die entzündungshemmende Wirkung von Cannabis diskutiert, die die Gehirnfunktionen verbessert.

Eine weitere 2021 publizierte Studie untersuchte starken Cannabiskonsum bei HIV-Patienten. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Patienten mit früher diagnostizierter Cannabis-Use-Disorder (CUD) bei Tests zu Verarbeitungsgeschwindigkeit, visuellem Lernen und Gedächtnis sowie Motorik deutlich besser abschnitten als Patienten ohne Cannabiskonsum in der Vergangenheit.

Kurz gesagt: Wie bei älteren Konsumenten scheint auch das Gehirn von HIV-Patienten durch (medizinischen oder Freizeit-) Gebrauchs von Cannabis zu profitieren. Die Effekte sind jedoch noch nicht abschließend verstanden und erfordern weitere Forschung zu Nutzen und Risiken.

 

Der kognitive Abbau bei HIV-Patienten ist ein ernstes Problem.

Therapietreue

Ein weiterer zentraler Punkt ist, inwiefern Cannabiskonsum die Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit bei der Einnahme der ART-Medikamente beeinflusst. Eine Studie schürte diesbezüglich Sorgen: Ältere Cannabiskonsumenten hielten sich weniger konsequent an ihre Therapie als nicht konsumierende Patienten.

Allerdings sind die Daten widersprüchlich. Eine weitere, 2017 veröffentlichte Studie ergab: Intensive Cannabiskonsumenten zeigten keine niedrigere ART-Treue, solange kein übermäßiger Alkoholkonsum hinzukam. Eine Studie aus 2005 stellte sogar fest, dass die ART-Treue bei Patienten, die Cannabis gegen Übelkeit nutzten, höher lag – jedoch geringer ausfiel, wenn aus anderen oder rein Freizeitgründen konsumiert wurde.

Zusammenfassend: Das Zusammenspiel ist sehr komplex und hängt von vielen Faktoren ab – die Forschung ist noch längst nicht abgeschlossen. HIV-Patienten sollten in jedem Fall die herausragende Bedeutung einer zuverlässigen ART-Einnahme bedenken, da der Langzeitverlauf davon entscheidend beeinflusst wird.

Weitere Vorteile des Cannabiskonsums bei HIV-Patienten

Es gibt immer noch vieles, was wir über das Zusammenspiel von Cannabis, HIV-Symptomen und dem Virus selbst nicht wissen. Aber die vorliegenden Forschungen deuten auf noch mehr Vorteile hin. Hier ein paar Beispiele:

Reduzierter Opioidkonsum

Wieder und wieder hat sich medizinisches Cannabis als Alternative zu Opioid-Schmerzmitteln erwiesen – und das oft mit besserem Sicherheitsprofil. Eine passende Studie erschien im Januar 2018: HIV-Patienten mit chronischen Schmerzen, die Cannabis konsumierten, griffen seltener zu Opioid-Schmerzmitteln, die ein höheres Missbrauchs- und Überdosisrisiko bergen.

 

Mehr körperliche Aktivität

Körperliche Bewegung ist für gesunde sowie chronisch kranke Menschen wichtig, und alles, was Patienten zu mehr und intensiverer Bewegung motiviert, sollte beachtet werden. Eine Studie aus 2023 untersuchte den Zusammenhang zwischen Substanzkonsum, körperlicher Aktivität, HIV, chronischen Schmerzen und Depression. Cannabisnutzer gaben an, sich körperlich aktiver und intensiver zu betätigen als Nichtnutzer – vermutlich, weil Cannabis die Schmerzwahrnehmung lindert. Mehr Bewegung könnte so die Gesamtgesundheit und das Wohlbefinden von HIV-Patienten steigern.

 

Körperliche Aktivität ist für alle wichtig – auch für Menschen mit HIV.

CBD: Die nicht berauschende, legale Alternative

In den oben genannten Studien wurde eine Cannabissubstanz besonders gründlich erforscht: Cannabidiol (CBD). Das liegt vor allem daran, dass CBD nicht berauscht – und gerade deshalb im Fokus des medizinischen Interesses steht. Ein weiterer Vorteil: CBD ist in vielen Ländern inzwischen legal. HIV-Patienten, die kein High mögen, keinen Rechtsbruch begehen oder einfach keine Vorurteile gegen Cannabis selbst haben möchten, greifen daher häufig auf CBD zurück – erhältlich etwa als Gummibärchen, Öl oder Creme.

CBD kann leichte Schmerzreduktion bringen, Übelkeit und Entzündung lindern, scheint jedoch gegen die HIV-Infektion selbst wenig auszurichten. Außerdem gibt es noch weitere Aspekte zu bedenken: Obwohl es legal, nicht berauschend und nebenwirkungsfrei sein mag, wurde bisher kein CBD-Medikament gegen HIV oder AIDS von der FDA zugelassen, und die Wechselwirkungen mit ART sind noch kaum erforscht.

Wir empfehlen für HIV-Patienten, die mit CBD experimentieren wollen, mit einer niedrigen Dosis zu starten und nach Bedarf langsam zu steigern.

Anstehende Forschung

In Zeiten des Cannabisverbots wurde meist der angebliche Schaden und das gesellschaftliche Risiko untersucht. Erst seit einigen Jahrzehnten verlagert sich der Fokus auf den potenziellen therapeutischen Nutzen. Der Trend, Cannabis als Medizin zu erforschen, setzt sich fort – auch im Bereich HIV.

Eine kommende Studie untersucht die Herzgesundheit von HIV-Patienten, die Cannabis verwenden. Die Kardiologen vergleichen THC- und CBD-Spiegel in Blut und Urin mit Funktions- und Strukturparametern des Herzens via MRT. Ein Hauptaugenmerk liegt auf Entzündung als Risikofaktor für Herzerkrankungen.

Eine andere Studie an der Universität Florida wird 400 HIV-positive Cannabispatienten über fünf Jahre begleiten und untersuchen, wie oft und wie viel konsumiert wird sowie welche Cannabinoide enthalten sind. Die Ergebnisse werden mit der Symptomkontrolle verglichen; außerdem soll erforscht werden, wie Cannabis Einfluss auf Denken, Gedächtnis und Planung nimmt.

 

Zum Glück wird weiter intensiv zu medizinischem Marihuana und HIV geforscht.
 

Im Übrigen haben Forscher der University of Mississippi School of Pharmacy einen großen Forschungszuschuss erhalten, um die potenziell schmerzlindernden und entzündungshemmenden Effekte von Cannabis bei HIV zu untersuchen. Ziel ist es, einzelne Cannabinoide zu identifizieren, die ohne Suchtpotenzial Erleichterung bringen können.

Fazit

Nach aktuellem Wissensstand hat sich Cannabis längst als vielversprechendes Arzneimittel für Menschen mit HIV erwiesen. Seine potenziellen Vorteile gehen weit über die bloße Behandlung von Symptomen wie Entzündung, Schmerz, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Angst und Depression hinaus. Die Datenlage weist auf noch mehr Möglichkeiten hin, wie Cannabis die Lebensqualität verbessern, die Abhängigkeit von gefährlichen Medikamenten mindern und sogar die schädlichen Wirkungen des Virus selbst verringern könnte.

Patienten, die in Ländern wohnen, wo medizinisches Cannabis legal und verfügbar ist, sollten es als mögliche Behandlungsoption erwägen und mit ihrem Arzt besprechen. Auch wenn Bedenken bezüglich möglicher Risiken – einschließlich Langzeitfolgen – bestehen, kann man hoffen, dass die fortlaufende Forschung bald wichtige Wissenslücken schließt und das Verhältnis zwischen Cannabis und HIV weiter aufklärt.

 



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